Sonntag, 16. Februar 2014

Mit dicken Frauen

Ganz unsozialdemokratisch

Von Jürgen Dieter Ueckert

Wir sind alle lieb, nett, gerecht und voll gutem Willen. Sozis - eben. Oder besser: Die Sozialdemokratisierung hat nahezu alle Gesellschaftsschichten erreicht - Unternehmer, Manager, Arbeitnehmer, Adel, Parteien, Kirchen, etc. Wer seine Augen offen hält, seine Ohren gespitzt, und wer seinen Mund nicht nur zum Fressen und Saufen benutzt, der beobachtet und spürt das in unserer bundesrepublikanischen Gesellschaft täglich.

Wie damals - so auch heute. Der Schriftsteller Joseph Roth schrieb 1925 aus Marseille an Bernard von Brentano und Benno Reifenberg treffend:

Morgen beginnt hier der Sozialistenkongreß ... Mit Schillerkragen! Mit Aktentaschen! Mit Regenschirmen! Mit dicken Frauen auf Plattfüßen! Sie gehn ohne Hüte! Sie schwitzen. Sie stinken. Sie trinken Bier. Sie reden lauter als die vielen Orientalen ... Alle Sozialdemokraten sehen deutsch aus. Sogar die litauischen. Denn in Deutschland ist der Typus zu Hause: redlich, fleißig, biertrinkend, die Ordnung der Welt verbessernd. Ein Demokrat und sozial. ,Gerecht!' Hoffnung auf Evolution. Alles deutsch. Der Sehnsucht der deutschen Frau, auf Schuhen ohne Absätze durch ein Leben voller Tätigkeit zu marschieren, kommt der Sozialismus entgegen ... Fortwährend dampfend vor Tätigkeit, Geschwätz, Fortsetzung der Konferenzen am Abend im Café durch Gruppenbildung und lange Tische, Schrecken der Kellner...

Bemerkung nebenbei: Zwischendurch wechselten viele deutsche SPD-Ortsvereine und schlichte Genossen mit flatternden Fahnen zur NSDAP über - um nach 1945 die eigenen Geschichten auszuradieren. Kurt Schumacher, der KZ-Häftling, hat das erkannt ... er musste die neue Sozialdemokratie mit einem Volk aufbauen, das nach Hitler süchtig war - mehr als nur besoffen.

Eben - ohne die vielen "kleinen Hitlers" in allen Gesellschaftsschichten - nicht nur in deutschen Provinzen ("redlich, fleißig, biertrinkend, die Ordnung der Welt verbessernd") - hätte der deutsche Führer Berlin nicht "dampfend vor Tätigkeit" regieren können.

Wie rief Bert Brecht ironisch nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 den SED-Welt-Verbesserern zu: „Wenn die Regierung der Meinung ist, das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt, so soll sie doch das Volk auflösen und ein neues wählen.“

Ging nicht - das haben selbst die Kommunisten kapiert - bis das ostdeutsche Volk die Nase voll hatte - von zwei deutschen Diktaturen hintereinander - und jagte die kommunistischen Bonzen mit Demonstrationen 1990 in die Wüste. Ganz unsozialdemokratisch. Und ganz undeutsch. Na bitte. Es geht doch.

11.02.2011

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