Ganz unsozialdemokratisch
Von Jürgen Dieter Ueckert
Wir
sind alle lieb, nett, gerecht und voll gutem Willen. Sozis - eben. Oder
besser: Die Sozialdemokratisierung hat nahezu alle
Gesellschaftsschichten erreicht - Unternehmer, Manager, Arbeitnehmer,
Adel, Parteien, Kirchen, etc. Wer seine Augen offen hält, seine Ohren
gespitzt, und wer seinen Mund nicht nur zum Fressen und Saufen benutzt,
der beobachtet und spürt das in unserer bundesrepublikanischen
Gesellschaft täglich.
Wie damals - so auch heute. Der
Schriftsteller Joseph Roth schrieb 1925 aus Marseille an Bernard von
Brentano und Benno Reifenberg treffend:
Morgen
beginnt hier der Sozialistenkongreß ... Mit Schillerkragen! Mit
Aktentaschen! Mit Regenschirmen! Mit dicken Frauen auf Plattfüßen! Sie
gehn ohne Hüte! Sie schwitzen. Sie stinken. Sie trinken Bier. Sie reden
lauter als die vielen Orientalen ... Alle Sozialdemokraten sehen deutsch
aus. Sogar die litauischen. Denn in Deutschland ist der Typus zu Hause:
redlich, fleißig, biertrinkend, die Ordnung der Welt verbessernd. Ein
Demokrat und sozial. ,Gerecht!' Hoffnung auf Evolution. Alles deutsch.
Der Sehnsucht der deutschen Frau, auf Schuhen ohne Absätze durch ein
Leben voller Tätigkeit zu marschieren, kommt der Sozialismus entgegen
... Fortwährend dampfend vor Tätigkeit, Geschwätz, Fortsetzung der
Konferenzen am Abend im Café durch Gruppenbildung und lange Tische,
Schrecken der Kellner...
Bemerkung nebenbei:
Zwischendurch wechselten viele deutsche SPD-Ortsvereine und schlichte
Genossen mit flatternden Fahnen zur NSDAP über - um nach 1945 die
eigenen Geschichten auszuradieren. Kurt Schumacher, der KZ-Häftling, hat
das erkannt ... er musste die neue Sozialdemokratie mit einem Volk
aufbauen, das nach Hitler süchtig war - mehr als nur besoffen.
Eben
- ohne die vielen "kleinen Hitlers" in allen Gesellschaftsschichten -
nicht nur in deutschen Provinzen ("redlich, fleißig, biertrinkend, die
Ordnung der Welt verbessernd") - hätte der deutsche Führer Berlin nicht
"dampfend vor Tätigkeit" regieren können.
Wie rief
Bert Brecht ironisch nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 den
SED-Welt-Verbesserern zu: „Wenn die Regierung der Meinung ist, das Volk
hat das Vertrauen der Regierung verscherzt, so soll sie doch das Volk
auflösen und ein neues wählen.“
Ging nicht - das haben
selbst die Kommunisten kapiert - bis das ostdeutsche Volk die Nase voll
hatte - von zwei deutschen Diktaturen hintereinander - und jagte die
kommunistischen Bonzen mit Demonstrationen 1990 in die Wüste. Ganz
unsozialdemokratisch. Und ganz undeutsch. Na bitte. Es geht doch.
11.02.2011
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